Europa im Zeitalter der Nationalstaaten…?!Europa im Zeitalter der Nationalstaaten…?!

17. September 2017

Wenn vom Zeitalter der Nationalstaaten die Rede ist, werden sich wohl die meisten Menschen an ihren Geschichtsunterricht in der Schule zurückerinnern. Viele werden dabei an das 19. Jahrhundert und den Beginn des Ersten Weltkriegs denken oder sie erinnern sich an den meist ungeliebten Merkzahlenkatalog mit Daten wie 18. Januar 1871 – Proklamation des Deutschen Kaiserreichs. Man bekam gelernt, dass die Französische Revolution von 1789 und die daraus resultierenden napoleonischen Kriege das Schlüsselereignis bei den von Frankreich unterdrückten Völkern Europas darstellte, welches allmählich ein gemeinsames Nationalgefühl unter ihnen aufkommen ließ. Es folgten nach und nach in ganz Europa Bestrebungen nach eigenen Nationalstaaten sowie ein stetig wachsender Nationalismus, woraus letztlich Staaten wie Deutschland oder Italien entstanden. Aufgrund nun entstehender Machtkämpfe, Nationalitätenkonflikte sowie einem europaweitem Radikalisieren eigener nationaler Ansichten mündete das Zeitalter der Nationalstaaten in der vom US-amerikanischen Historiker und Diplomaten George F. Kennan bezeichneten Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg. Hiermit endete den allermeisten Lehrplänen nach dieses Zeitalter in Europa.

Doch stimmt das wirklich? Befinden wir uns heute auf dem Weg in eine Zukunft des postnationalen Europas, in dem das Zeitalter der Nationalstaaten tatsächlich längst der Vergangenheit angehört? Schaut man sich eine Länderkarte von Europa aus dem Jahr 1900 an, stellt man fest, dass es, abgesehen von Zwergstaaten, zu dieser Zeit 20 souveräne Staaten gab. Darunter teils überdimensional ausgedehnte Reiche, wie das Russische Zarenreich, die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn oder das Osmanische Reich. Nimmt man sich nun im Vergleich dazu eine Europakarte von heute, so findet man, Zwergstaaten wiederum ausgenommen, 40 souveräne Staaten, also das Doppelte. Davon sind nahezu alle als Nationalstaaten zu bezeichnen, was zumindest rein optisch gesehen kein Zusammenwachsen Europas oder gar ein Ende des Zeitalters der Nationalstaaten erkennen lässt. Darüber hinaus sollten bei dieser Betrachtung die zahlreichen Unabhängigkeitsbewegungen, die es damals wie heute gibt, nicht außer Acht gelassen werden. Als aktuelle Beispiele wären hier die katalanische, die schottische, die baskische, die korsische, die norditalienische und viele weitere Separatismusbewegungen zu nennen. Anstatt sich zusammen zutun und nationale sowie ethnische Grenzen zu überwinden, spalten sich die Europäer anscheinend in immer kleinere Einzelstaaten auf. Hinzu kommen immer wieder Bestrebungen einzelner politischer Strömungen und auch einzelner Staaten dem Einheitsprojekt Europas, der Europäischen Union, den Rücken zuzukehren. Sieht man sich außerdem die Umfrage- und Wahlergebnisse in den Staaten Europas an, so kann man keineswegs von einem Ende des nationalen Zeitalters sprechen, sondern muss vielmehr von einem neuen Aufflammen des Nationalismus ausgehen. Sei es der Front National in Frankreich, Fidesz in Ungarn oder andere stark national orientierte Parteien innerhalb Europas. Oft herrscht Uneinigkeit unter den europäischen Staaten und die Lösung gemeinsamer Probleme stellt die jeweiligen Staats- und Regierungschefs immer wieder vor große Schwierigkeiten, was den genannten Parteien zusätzlich entgegenkommt.

Bleibt nur die Frage, ob sich Europa diesen Zustand auf Dauer überhaupt leisten kann und in welche Richtung es sich politisch, gesellschaftlich und natürlich auch wirtschaftlich bewegt. Von dem Bild des Europas als Nabel der Welt müssen wir uns im 21. Jahrhundert eindeutig verabschieden und gegenüber Partnern wie China oder Indien verliert es ohnehin zunehmend an Bedeutung. Europa wird sich wohl in Zukunft in vielerlei Hinsicht einigen und sich vor allem um geopolitisch wichtige Partnerschaften bemühen müssen oder es verschwindet zusehends in der Bedeutungslosigkeit. Ob diese Einigung ein einheitlicher europäischer Gesamtstaat sein wird oder ob sich eher die Sicht der britischen Regierung unter Premierminister David Cameron, nämlich die eines wie ein Netzwerk operierenden und damit vermeintlich flexibleren Europas, als bestes Zukunftsmodell herausstellt, bleibt abzuwarten. Ausgangspunkt hierfür ist die einst durchaus stabile Europäische Union, welche allerdings in den letzten Jahren von einer Vielzahl von Krisen und Konflikten erschüttert wurde und deren Umgang mit diesen Problemen oft fragwürdig erschien.


von Patrick Fanghänel